CD-Reviews | ANUBIZ "Unruh" | Thomas Lawall
Einer schönen Tradition folgend, drehte sich das Besetzungskarussel erneut und in gewohnter Weise. Die Herren der
Schöpfung glänzen mit unveränderter Präsenz, während die Frontdame wieder einmal das Weite suchte und fand. Nach
Eva Paschen und Carolin Ehrlichmann - letztere verließ die Band wegen der Geburt ihres ersten Kindes - beglückt
uns nun Katrin Block am Ständer. Und so wie sich das anhört, war sie ein weiterer Glücksgriff für eine Band,
die einfach immer wieder zu überraschen weiß!
Nach der Demo-CD "Pretty in Pain" (2000) und den Longplayern "Leid" (2002) sowie "17" (2005) sind ANUBIZ nun
bereits mit der vierten Veröffentlichung am Start. Wieder hat sich an der Grundausrichtung im Prinzip nichts geändert ...
Wie im Interview vom April 2006 nachzulesen ist, bezeichnete die Band "17" bescheiden als "Meilensteinchen".
Reichlich untertrieben, doch zeugt es von der Tugend, sich selbst nicht wichtiger zu nehmen als unbedingt mit
aller Gewalt notwendig ist. Vielleicht ist es im Zusammenhang mit dem neuesten Werk erlaubt, nunmehr von einem
kapitalen (Band-)Meilenstein zu sprechen, denn was die Bombastgotiker jetzt abgeliefert haben, strotzt nur so
vor Energie! Während sich nicht wenige Kollegen auf der vierten Scheibe in sich selbst verlieren und Sang- und
Klangloses unmotiviert wiederkäuen, drehen ANUBIZ gnadenlos voll auf und überholen sich wieder einmal selbst.
Nicht ganz unschuldig ist die neue Sängerin, die mit Sicherheit den Laden ganz schön aufgemischt hat. Die oben
erwähnte Grundausrichtung ist nach wie vor identisch mit der ursprünglichen Idee und Motivation der Band, denn
es bleibt beim aggressiven, melancholischen Gothic-Metal. Aber die neue Dame an Deck verleiht dem Dampfer ein
weiteres Plus an Tiefgang, was wiederum fast zwangsläufig den Ausbau des Maschinenraumes zur Folge hatte. Man
entwickelte sich also gegenseitig weiter, aber ohne dabei die stilistischen Eigenarten der Kapelle aus dem Auge
zu verlieren! Wieder ist ein neues und einzigartiges Werk enstanden, mit Katrin gelang ein Lichtsprung in eine
andere Dimension, doch die Band ist und bleibt unverwechselbar!
Mit der neuen Stimmgewalt, die schlummernde Kräfte freigesetzt hat, ging man aber gleichzeitig ein gewisses
Risiko ein. Katrin Block geht nicht nur mit ungeheurer Professionalität an die Sache, sondern glänzt mit einem
Stimmvolumen und einer Intonation, die vielleicht den einen oder anderen Zeitgenossen überfordern mag. Ich bin
sehr gespannt, wie der gemeine Konsument reagieren wird. Denn hinter der neuen Stimme steht eine klassische
Gesangsausbildung. Zusätzlich belegt Katrin Block noch ein Lehramtstudium, singt in mehreren Chören, und hat G
astauftritte als Solistin!
"Voll die Oper" ist "Unruh" zwar (noch) nicht, aber allerspätestens beim dritten Stück wird klar, dass nichts
mehr ist, wie es vorher war. ANUBIZ sind auch in der Gegenwart für jede Überraschung gut - glaubt man
in "Mondlicht" doch zunächst, einem kammermusikalischen Liederabend beizuwohnen! Am Ende bleibt die Band
aber wieder unverkennbar, während der bereits auf die Knie gesunkene Hörer wahrhaft beglückt von Katrins
lupenreinem Sopran, der allen bisherigen Konventionen Flügel verleiht, längst in anderen Sphären weilt:
"Mit Stolz verfallen Ihr für immer ..."
Auch textlich geht man wesentlich differenzierter zu Werke. Es geht nicht mehr ausschließlich um Themen
Vergewaltigung, Tod und Missbrauch, sondern hin zu mehr zwischenmenschlichen Dingen. Dies alles und noch
viel mehr ... aber selbstverständlich wieder in Deutsch. Das Gruppenbild mit Dame bleibt mutig!
"Ein dumpfes Grollen schreckt mich auf
Ich fühle wie es nach mir sucht ... "
Musikalisch kommen ANUBIZ, nach dem Supergau 2005/6 - Labelwechsel, Suche nach der neuen Sängerin - immer
mehr auf den Punkt. Die Spielfreude ist ungebrochen und teilt sich die Matte mit ungebremster Kreativität
und so etwas wie einem "Jetzt-erst-recht-Gefühl". Zu meiner ganz persönlichen Freude sind die Keyboardwände,
die ich bereits im Review zu "Leid" eingefordert habe, endlich eingetroffen. Der Herr Mohr darf sich jetzt
mit wahren Tastengebirgen einbringen. Er übertreibt es aber zu keiner Zeit. Auch die Gitarren kommen wesentlich
fetter, doch auch diese erschlagen einen Song zu keiner Zeit. Und genau darin begründet sich eines von den
vielen Gesetzmäßigkeiten und Erfolgsrezepten der Band. Niemand profiliert sich auf Kosten der anderen. ANUBIZ
ist ein großes Ganzes und diesem gemeinsamen Ziel ordnet sich auch der berauschende Neuzugang unter.
Visuell wird auch wieder einiges geboten, denn Kurt Wörsdörfer hat wieder das Artwork übernommen und,
wie schon in "17", ist es ihm gelungen, den eigenständigen Charakter von ANUBIZ einmal mehr zu
unterstreichen. Wer suchet, der wird auch einen aufwendigen Multimediatrack mit den Videos "Rastlos"
und einem interessanten "Making of Unruh" finden. Daneben gibt es noch Fotos (u.a. vom WGT 2006!),
Danksagungen und eine Bio in Deutsch, Englisch und Russisch! Diese Platte ist wie Weihnachten.
Permanent auspacken und Augen wie Ohren erfreuen ...
Zeit für Spekulationen sollte es heuer auch geben. Ich unterstelle einmal, dass es für die nächsten
zehn Alben keine Personaländerungen am Mikrofon mehr geben wird. Da ANUBIZ aber immer für eine bis zwei
Überraschung gut sind, wird sich diese Tradition sicherlich fostsetzen. Doch wie? Am Instrumentarium
vielleicht? Vielleicht ... denn einen kleinen Vorgeschmack mag der Bonustrack (samt verklärtem Hidden-Track!)
liefern. "Mondlicht" wurde nicht nur in russischer Sprache aufgenommen, sondern auch in Begleitung von
Cello und Geige! Vielleicht werden Linda und Amrei ihre kongenialen Nebenrollen in Zukunft etwas ausbauen
dürfen. Bitte. Danke!
"Hast du dich je gefragt
was es heisst, diesen Schritt zu tun ... ?"
Fazit: Gepflegter Klangriese. Starkes Getön in endloser Nacht.
Bewertung 12/12
Thomas Lawall - Oktober 2007
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